Warum ich mit 60 Jahren mein erstes Buch geschrieben habe – und was das mit barrierefrAI zu tun hat
Oder: Warum ein Unternehmen mehr sein muss als ein Produkt
Letzte Woche ist mein Buch „Wie KI uns zu neuem Denken zwingt" erschienen. Viele aus meinem Netzwerk haben mich gefragt: Warum schreibt jemand, der ein KI-Unternehmen für Barrierefreiheit betreibt, ein philosophisches Buch über KI und Gesellschaft? Solltest du nicht lieber an Features arbeiten, Marketing machen, Kunden akquirieren?
Die Antwort ist einfach: Genau deshalb.
Das Problem mit reinen Produkt-Unternehmen
Als ich 2024 barrierefrAI gründete, hätte ich den klassischen Weg gehen können: Ein Problem identifizieren (teure, zeitaufwändige PDF-Barrierefreiheit), eine technische Lösung bauen (KI-gestützte Automatisierung), das Produkt verkaufen. Fertig.
Und ja, das machen wir. Unsere Tools funktionieren. Sie sparen Unternehmen, Behörden und Universitäten tatsächlich Zeit und Geld. Statt 8 Stunden nur 8 Minuten – das ist real, das ist messbar.
Aber ist das genug?
Was mir 25 Jahre Universität gelehrt haben
Ein Vierteljahrhundert an der Universität Bielefeld hat mir eines beigebracht: Jede technische Lösung hat gesellschaftliche Konsequenzen. Als Kunsthistoriker habe ich mich immer mit Machtfragen beschäftigt: Wer bestimmt, was im Museum hängt? Wessen Geschichte wird erzählt? Wer hat Zugang zu kulturellem Kapital?
Diese Fragen verschwinden nicht, nur weil wir jetzt über PDFs und KI sprechen. Im Gegenteil: Sie werden drängender.
Wenn wir KI einsetzen, um Barrierefreiheit zu automatisieren – für wen bauen wir dann eigentlich? Wessen Bedürfnisse berücksichtigen wir? Und wessen nicht?
Der Unterschied zwischen Effizienz und Verantwortung
Die Tech-Welt liebt Effizienz. Schneller, billiger, skalierbarer. Ich auch – ich bin Unternehmer, ich muss wirtschaftlich denken.
Aber Effizienz ohne Reflexion ist gefährlich.
Die EU-Richtlinie zur digitalen Barrierefreiheit ist kein bürokratisches Ärgernis. Sie ist ein gesellschaftliches Statement: Digitale Teilhabe ist ein Grundrecht. Und wenn wir KI nutzen, um diese Teilhabe zu ermöglichen, dann tragen wir Verantwortung – nicht nur für die technische Qualität unserer Lösungen, sondern für ihre gesellschaftlichen Auswirkungen.
Darum das Buch. Darum die Reflexion. Darum die bewusste Auseinandersetzung mit Fragen, die über Conversion Rates und Kundenzufriedenheit hinausgehen.
Was KI wirklich verändert (und warum das alle angeht)
Corona zwang uns zur Nutzung digitaler Tools. Aber die Tools selbst blieben gleich. Eine Zoom-Konferenz ist nur ein Fenster zur Realität – wir denken nicht anders, wir treffen uns nur anders.
KI ist fundamental anders.
KI beginnt, mit uns zu denken. Sie formuliert nicht nur unsere Texte, sie strukturiert unser Denken. Sie analysiert nicht nur Daten, sie beeinflusst unsere Entscheidungsprozesse. Sie ersetzt nicht nur Werkzeuge, sie verändert, was Arbeit, Kreativität und letztlich Menschsein bedeutet.
Diese Transformation passiert jetzt. In diesem Moment. Und sie passiert nicht im luftleeren Raum, sondern in konkreten Anwendungen wie barrierefrAI.
Warum barrierefrAI mehr sein will als ein Tool-Anbieter
Ich könnte barrierefrAI als reines SaaS-Unternehmen führen. Features entwickeln, Subscriptions verkaufen, wachsen.
Aber ich will, dass barrierefrAI für mehr steht:
- Für den Gedanken, dass Technologie nicht neutral ist. Dass jede Automatisierung Entscheidungen enthält über Prioritäten, Werte, Normen.
- Für die Überzeugung, dass Barrierefreiheit nicht Compliance ist, sondern Haltung. Nicht: „Wie erfüllen wir die Mindestanforderungen?" Sondern: „Wie schaffen wir echte Teilhabe?"
- Für die Einsicht, dass KI-Einsatz Verantwortung bedeutet. Dass wir nicht nur fragen sollten „Kann die KI das?", sondern „Soll die KI das – und wenn ja, wie?"
Einladung zum Dialog
Das Buch endet nicht mit Antworten. Es endet mit einer Einladung: Denken Sie mit.
Diese Einladung gilt auch hier. barrierefrAI ist kein fertiges Produkt, das ich in die Welt setze und dann vergesse. Es ist ein lebendiges Projekt, das sich entwickelt – durch Feedback, durch Kritik, durch Dialog.
Ich lade Sie ein:
- Testen Sie unsere Tools – und sagen Sie uns, wo sie noch besser werden können.
- Lesen Sie das Buch – und widersprechen Sie, wenn Sie anderer Meinung sind.
- Schreiben Sie mir – wenn Sie Fragen haben, Anmerkungen, Ideen.
Denn genau das habe ich in 25 Jahren Universität und zwei Jahren als Gründer gelernt: Die besten Lösungen entstehen im Gespräch. Immer.
Leseprobe und Buch: www.barrierefrai.com/neues-denken
Mehr über barrierefrAI: www.barrierefrai.com
Markus Paulußen ist Gründer von barrierefrAI, ehemaliger Kunsthistoriker und Germanist an der Universität Bielefeld, und Autor von „Wie KI uns zu neuem Denken zwingt". Er lebt und arbeitet in Bielefeld.